LIGER
„Crash Symbols“

Der Titel des ersten Albums des von Wien aus operierenden Duos Liger legt es nahe: Liger spielen gerne und rütteln dabei an Dingen, Begriffen, Genres. Mit Worten, mit Musik, mit Bedeutungen, mit der Wahrnehmung, mit der Verpackung dessen, was sie da tun. Das tun sie in aller Ernsthaftigkeit. Mit derselben entrückten, aber gleichzeitig extrem viel wahrnehmenden und mitverarbeitenden Hingabe, die man bei Kindern beobachten kann, denen „die Welt“ dann völlig egal ist, wenn sie in dem Aufgehen, was sie tun – sich eine neue Welt zu bauen.

Ersetzen wir das Bild vom spielenden Kind durch einen künstlerischen, reflektierten Zugang zum selben Prinzip, kommen wir dem schon sehr nahe, wie Liger funktionieren. Oder eben nicht funktionieren. Weil es eben auch um das Unterlaufen eines herkömmlichen Schönheits-Begriffs in der (Pop-)Musik (oder besser ein Darüber-Hinaus-Laufen …) geht. Um das Verschieben und Aufbiegen von Eindeutigkeiten. Um ein Neuabstecken, ein Weiterfassen klanglicher und inhaltlicher Möglichkeiten. „Um eine andere Auffassung davon, was schön ist“, wie Liger in ihrem Proberaum/Tonatelier/Studio im zehnten Wiener Gemeindebezirk zu Protokoll geben.

So werden dann die handelsüblichen Crash-Becken eines Schlagzeugs zu „Crash Symbols“. Ein Begriff, den man nicht genau definieren kann, der aber dennoch etwas sagt. Immer mehr, je öfter man ihn ausspricht oder denkt.

So wie die Musik von Liger immer mehr Sinn macht, je intensiver man sie hört. Ein halbes Ohr, ein halbes Bewusstsein dafür wird einen dabei nicht weit bringen. So wie sich die beiden Musiker, die sich gemeinsam Liger erarbeiten, erkämpfen, erspielen und erleben, Dino Spiluttini und Gernot Scheithauer keine Halbheiten durchgehen lassen.

„hello ghost/can i try to impress you? like with crushing my dull face on the pavement
split yourself lilith, like i drove a wedge between us“ singt Dino Spiluttini in „Split Yourself, Lilith“. Ein Beispiel dafür, was er meint, wenn er sagt, dass er mit seinen Lyrics, seinen Vocals „aufwühlen, unter die Haut gehen will“ und dass sie sich fast ausschliesslich um Leid und Verzweiflung drehen, ohne dass das jetzt notwendigerweise sein Leid, seine Verzweiflung sein muss. Als „konstruierte Authentizität“ fasst er das zusammen. Was immer das genau ist – in der Musik, deren Ansatz Gernot Scheithauer mit „wir bauen das schon sehr zerstört auf“ beschreibt, geht es aufs Wunderbarste auf. In erstaunlichen Stücken mit so herrlichen Titeln wie „Me Protools, You Jane“ oder „Young Nudes With A Knife“.

E-Musik? Anti-Indie? Pop? Avantgarde? Elektronik? Kunstlied? Das alles findet sich in den vielen Schichten, aus der das Duo seine Musik zusammenfügt. Bis zuletzt da noch einen Sound verändernd, eine Bass-Drum überdenkend, ein Arrangement diskutierend. Ein Streichersatz (zur Klangfülle des Albums tragen 7 Gastmusikerinnen, unter anderem Sir Tralala oder Christopher M. Taylor von Trouble Over Tokyo bei) muss noch neu eingespielt werden, während die Deadline für Mix und Mastering, die beide in Berlin von Mark Bihler besorgt werden naherückt, im Grunde schon überschritten ist.

Ende September wird das Album live präsentiert, für Oktober ist eine Show in London gebucht (Liger wollen ihre Musik definitv über Österreich hinaus gehört wissen, die Details eines USA-Releases werden gerade verhandelt). Dino Spiluttini und Gernot Scheithauer pendeln zwischem dem bittersüßen Schmerz des Aus-den-gestaltenden-Händen-Lassens jedes Kreativen und der Erleichterung, der Genugtuung ihr Album, dass sie schon letztes Jahr veröffentlichen wollten, endlich fertig zu haben.

Ein Album, bei dem die seit 2006 gemeinsam arbeitenden Liger auch schon einen völligen Totpunkt erreicht hatten. Den zu überwinden ihre Musik entscheidend weitergebracht hat, so wie sich den beiden Musikern in den letzten Phasen der Fertigstellung selbst immer mehr erschliesst, wie sich die Stücke/ Tracks/Songs/Lieder, die ganze Ideenflut, die in diesem Album steckt, zu einem Ganzen fügen und verdichten.

Die „Crash Symbols“ von Liger sind bereit ihre Wirkung zu entfalten.

(Rainer Krispel)

 

Factsheet:

LIGER befassen sich mit der Auslotung der Grenzbereiche von U- und E-Musik. Dabei arbeiten sie mit Elementen sowohl aus dem Bereich der aktuellen Independent-Musik (Xiu Xiu, Björk...) als auch der Avantgarde des 20. Jahrhunderts (Edgar Varese, Olivier Messiaen oder Henry Cowell) und bedienen sich eines variantenreichen Instrumentenrepertoires, in dem auch traditionelle österreichische Instrumente wie Zither und Akkordeon eine Rolle spielen.

Seit der Gründung im Oktober 2005 wurden zahlreiche Auftritte im In- und Ausland (u.a. Europatourneen 2006, 2007, Festivalauftritte) absolviert, sowie mehrere Tonträger veröffentlicht.Gemeinsame Auftritte u.a. mit Carla Bozulich's Evangelista (USA), Unwed Sailor (USA), The Paper Chase (USA), Rechenzentrum (GER), Otto Von Schirach (USA), Picastro (CA), Britta Persson (SWE).

Veröffentlichungen:

EP
* 2006 - Smapples - beatismurder records (7"-Vinyl + CD)

Compilations
* 2006 - v.a. - you are an engineer - XMAG (CZ) (magazine)
* "oh, chicken feathers" on "52 short weeks" (Peppermill Records)

Dino Spiluttini:
Jahrgang 1981. Absolvent des Universitätslehrgangs für Computermusik in Wien. Ist derzeit Student bei Erwin Wurm an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen im Bereich der Komposition zeitgenössischer elektronischer Musik (Salzburger Landespreis für elektronische Musik 2003 und 2005, Media Literacy Award Anerkennungspreis 2004).
Komponiert Musik für Theater, Film und Werbung. Betreibt das Wiener Independentlabel "Beatismurder Records", auf dem internationale Künstler ihre Platten veröffentlichen und ist außerdem als Konzertveranstalter sowie als Musiker in diversen Projekten tätig.

Gernot Scheithauer:
Jahrgang 1980. Absolvent des Universitätslehrgangs für Computermusik in Wien. Studierte Schlaginstrumente an der Universität für Musik und Darst. Kunst in Graz/Expositur Oberschützen (1.Diplom mit ausgezeichnetem Erfolg). Kompositionsförderung des Bundeskanzleramtes. Zahlreiche Kompositionsaufträge (u.a. für den Steirischen Herbst und Prima La Musica) sowie Auftritte als Musiker im In- und Ausland (u.a. Konfrontationen Nickelsdorf, ModernistMozart-Festival/Wien, New!New!Festival/Brno, "moving patterns"-festival/New York City).
Zusammenarbeit, Live- und Studioaktivitäten mit Ensemble 3000, Barbarella Plüsch, Das Fax Mattinger, Mimi Secue, Marilies Jagsch, ua. sowie Schlagzeuger bei zahlreichen Theaterproduktionen.

Links:
www.myspace.com/postfolk (Hörproben und Videos)
www.iheartsinewaves.com (offizielle Homepage)
www.beatismurder.com (Label)

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